Radikale Akzeptanz

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Wieder mal ein Fachbegriff. Ich möchte ihn mit Leben füllen, um zu beschreiben, was er für mich bedeutet.

Angefangen hat meine Begegnung mit der radikalen Akzeptanz in der Therapie. Ich war mal wieder in einer Phase des Zweifels. Ich stellte meine Dissoziative Identitätsstruktur in Zweifel. Es darf nicht sein, was nicht sein kann. Denn wenn ich akzeptiere, dass man Viele ist, egal in welcher Ausprägung, dann akzeptiert man auch, dass es Umstände gegeben haben muss, die die Seele dazu brachte, diesen Überlebensmechanismus zu nutzen. Also war ich mal wieder der Ansicht, dass ich alles nur super gut spiele und es einfach Niemand merkt, nicht mal mein Therapeut. Dieser sagte damals zu mir, dass ich den jetzigen Zustand akzeptieren soll. Selbst wenn ich ein Faker wäre, was er nicht glaubt, dann hätte es einen Grund. Also wäre es letztendlich egal, warum man so ist wie man ist, aber um nicht darunter zu leiden, helfe nur radikale Akzeptanz.

Ich fing an mich darin zu üben und die Zweifel schwanden für dieses mal. Ja die kommen immer mal wieder, aber nicht mehr in dieser existenziellen Form. Wenn sie kommen, sage ich mir, es wird einen Grund haben und der Zweifel bin nicht ich, er ist ein Symptom, der seinen Grund hat.

Was also auf der Wahrnehmungsebene funktioniert, müsste doch auch in anderen Bereichen hilfreich sein, dachte ich mir.

Als also der nächste Erinnerungsfetzen kam, dem ich nicht glauben schenken wollte, sagte ich mir immer wieder, dass es einen Grund haben muss, dass er aufgetaucht ist. Früher haben mich solche erschreckenden Fetzen ausgeknockt. Ich war manchmal ein oder such zwei Wochen krank und zu nichts in der Lage. Ich litt unter dem Erinnerungsfetzen und hatte Angst, dass es immer so weiter geht und ich nicht mehr funktionsfähig werde.

Irgendwann fing ich an mich bei meiner Seele für den neuen Fetzen zu bedanken und darum zu bitten mir Zeit zu lassen mich zu erholen. Ich sagte, dass ich den Fetzen akzeptiere und das es seinen Grund hat, warum mir die Seele diesen zeigt. Ich übte mich in dem Vertrauen, dass meine Seele mich nicht überfordern wird und weiß was sie tut. Und es wirkt. Egal was seitdem aus dem Inneren gekommen ist, ich fand meinen Frieden damit und ließ es so stehen wie es da war. Ich nahm es war und bedankte mich dafür. Ich akzeptierte es und damit mein Seelenleben. Ob das nun radikal ist oder nicht, mag ich im Raum stehen lassen. Aber es hilft mir zu leben, auch wenn etwas sich seinen Weg nach außen sucht, dass mich erschreckt.

Dann noch etwas, wo mir dieser Weg hilft. Wenn ich merke, dass ich depressiv werde, akzeptiere ich auch dies. Die Folge daraus ist erstaunlich. Ich fühle mich dann zwar depressiv, aber es bleibt bei dem Fühlen. Ich spüre, dass ich nicht die Depression bin, sie aber ein Teil meines Seelenlebens. Sie will mir etwas sagen. Ich bin noch dabei zu lernen, welche Sprache meine Seelensymptome sprechen. Doch durch das Akzeptieren überrollen sie mich meistens nicht mehr so sehr. Und wenn es mich überrollt, dann nicht mehr für Wochen und Monate, sondern für einen wesentlich kürzeren Zeitraum als früher.

Bitte versteht diesen Beitrag nicht falsch. Auch ich habe Phasen, in denen ich dieses Akzeptieren nicht schaffe. In denen es mir einfach nur schlecht geht und ich nicht viel mehr schaffe als im Bett liegen. Auch weiß ich, dass diese Methode des Akzeptierens sicher nicht für Jeden etwas ist. Dennoch wollte ich Euch das erzählen, weil es eben für mich ein Punkt der Kehrtwende war. Weil ich seitdem mit einigem besser klar komme. Bei Weitem nicht mit allem. Aber immerhin mit ein paar Dingen.

Eure Schmetterlinge

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Hülle und Erschöpfung

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Hallo liebe Leser/innen,

heute versuche ich zu einem Thema zu schreiben, dass ich selbst noch nicht so ganz greifen kann. Vielleicht hilft es, dieses Thema hier zu behandeln. Es kann aber ein recht durcheinander gewirbelter Text sein.

Schon lange frage ich mich, warum ich fast durchgängig erschöpft bin, auch wenn ich z.B eine lange und erholsame Nacht hinter mir habe.

Ich bin der Selbstanteil hier, der meistens vorne ist, dessen Aufgabe es ist zu funktionieren und den Alltag aufrecht zu erhalten. Ich möchte nicht unterschlagen, dass das Wort Ich nicht zu hundertprozent passt. Es gibt weitere Selbstanteile, die sich diese Aufgabe mit mir teilen oder wie ich es wahrnehme, mich unterstützen, indem sie durch mich hindurch agieren. Nun sollte man denken, dass es gar nicht so anstrengend ist zu funktionieren. Immerhin ist es das, was jeder Mensch macht. Man wuppt den Haushalt, geht arbeiten, lebt das was zum Leben dazu gehört. Zum Beispiel Freunde treffen, ausgehen, Sport machen, sich ernähren und pflegen. Bei mir begrenzt sich all dies auf ein Minimum. Gesunde Ernährung und Sport sind derzeit nicht machbar, weil allein der Rest mich so erschöpft, dass ich z.B. nach der Arbeit heim komme und völlig erledigt auf der Couch lande. Freunde treffen kann ich nur sehr selten. Es fühlt sich so wenig nach Leben an, dass es sich auf ein Funktionieren reduziert.

Also warum bin ich dann trotzdem so erschöpft.

Ebenfalls schon lange denke ich darüber nach, warum ich mich immer wieder so ausgehöhlt fühle. Wie eine Hülle, die keinen Zugang zu dem Selbst hat, dass man lebt. Dieses Gefühl ist mal da und dann wieder abgetaucht. Aber genau dieses Hüllesein könnte die Erklärung für diese Erschöpfung sein.

Wenn man neben dem was man wahrnimmt und lebt noch eine Menge anderes mit sich herum transportiert, dann ist das so, als ob man nicht nur spazieren geht, sondern an Armen und Beinen gleichzeitig noch Gewichte angeschnallt hat, die nur keiner sieht. Also geht man für sich und die Welt da draußen spazieren, aber in Wirklichkeit macht man Hochleistungssport, weil man noch so viele Kilo an Gewicht dabei mit sich trägt.

Dieses Gewicht, dass man mit sich trägt möchte ich mit dem Begriff Unterbewusstsein beschreiben. Und dieses Unterbewusste ist mir und wahrscheinlich auch den anderen Alltagspersönlichkeiten nicht bewusst, sonst würde ich es ja nicht Unterbewusstsein nennen.

Nun hat jeder Mensch ein Unterbewusstsein. Aber nicht bei jedem Menschen ist es wie ein Sumpf der wabert. Es ist bei den meisten Menschen viel mehr das, was man nicht im Hier und Jetzt braucht. Ich fühle dieses Unterbewusstsein jedoch als etwas, dass mir bewusster werden müsste, damit es nicht mehr wie Gewichte an meinem Alltag hängt und mich so erschöpft. Ich möchte ein anderes Beispiel dafür nennen, weil es mir noch passender erscheint. Ich gehe auf der Straße, aber fühle mich als ob ich im Morast wäre. So wie wenn man nicht am Strand geht, sondern im Watt watet.

Nur wie bewusst machen, was nicht in das vorderer System (ich und die anderen die mit mir funktionieren) gehört, weil es das vordere System funktionsunfähig machen könnte.

Es stellt sich also die Frage, wie man weiter funktionieren kann und dennoch durch unterbewussten Sumpf nicht am Leben gehindert wird.

Ich habe keine Antwort auf diese Frage.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sophie danken, deren Blogbeitrag hier teilen durfte. Durch diesen Beitrag wurde mir klar, was ich hier beschrieben habe.

DDNOS und Programmierung — Sofies viele Welten

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Ein, wie ich finde sehr guter Beitrag von Sofie auf ihrem Blog „Sofies viele Welten“

Danke Sofie, dass ich ihn hier bei mir teilen darf.

Liebe Grüße Sarah von den Schmetterlingsfarben

Bei DDNOS ist der ANP immer präsent, selbst wenn eine andere Innenperson die Kontrolle über das Verhalten und die Gefühle übernommen hat. Menschen mir DDNOS (die einen Hüllen-ANP haben) können innerlich genau so komplex sein, wie Klienten mit DIS […]. Vieles fällt multiplen Persönlichkeiten mit DDNOS leichter, als solchen mit DIS, da sie keine Amnesie […]

über DDNOS und Programmierung — Sofies viele Welten

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Schwester vom Bruder

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Jetzt bin ich schon seit 2008, also 10 Jahre, in ambulanter und stationärer Therapie. Und spätestens seit meinem 2. stationären Aufenthalt ist klar, dass das Kernproblem nicht die Depressionen und Ängste sind, sondern das tief in mir drin etwas rumort, dessen ich nicht so ganz greifbar werde.

Anlässlich eines Gespräches mit meinem Bruder am Freitag, habe ich mich an meinen zweiten stationären Aufenthalt erinnert. Damals wollten wir (meine Therapeutin und ich) mit EMDR Traumaexploration machen. Bei meinem ersten Aufenthalt konnte ich mit diesem Verfahren meine Erfahrungen in einer charismatischen Sekte ganz gut verarbeiten. Also plante man mit EMDR an verschüttetem Material zu arbeiten.

Ich weiß nicht mehr woran wir gearbeitet haben. Nur das es auch um meinen Bruder und mich ging. Im Laufe dieses Aufenthaltes, der fast 6 Monate dauerte, ging es mir schlechter und schlechter. Letztendlich sah sich meine Therapeutin gezwungen, „meinen Fall“ ihrem Suoervisor vorzustellen. Dieser empfahl dann die EMDR-Behandlung abzubrechen. Er begründete dies darin, dass meine seelische Abwehr so stark sei, dass er Schlimmes hinter dieser Abwehr vermutet.

Was mir erst am letzten Freitag bewusst wurde, ist die Tatsache, dass ich mich offensichtlich für eine schlechte (böse) Schwester gehalten habe. Aus einem völlig anderen Gespräch riss auf einmal meine psychische Abwehr und ich war nur noch ein Häufchen Elend. Mein Bruder versuchte mir klar zu machen, dass er mich für eine starke selbständige Frau halte und ich eine tolle Schwester sei. Ich merkte, dass ich da ganz anderer Meinung war und (ohne das mir es vorher bewusst war) konfrontierte ich ihn damit, dass ich kaum etwas von seinem Groß werden mitbekommen habe und das ich das Gefühl habe, ihm keine gute Schwester gewesen zu sein. Und das ist freundlich ausgedrückt. Er sieht das ganz und gar nicht so. Er erklärte mir, dass er der Meinung ist, dass ich nicht viel von seiner Kindheit weiß, weil wir doch einige Jahre auseinander sind und ich quasi schon erwachsen war, als er auf die Realschule wechselte. Er habw mich als „beste Schwester“ in Erinnerung.

Und in mir drinnen brodeln Gedanken, die dem völlig widersprechen. Ich hätte nicht genug auf ihn aufgepasst, ich hätte ihm psychisch geschadet, und so vieles mehr.

Und mir wird klar, dass ich hier ansetzen muss. Ich denke es ist an der Zeit sich dem zu stellen, wovor ich am meisten Angst habe. Nämlich, dass ich als Schwester meinem Bruder so sehr geschadet haben könnte, dass es ihm im Hier und Jetzt Probleme bereitet. Und das wr im Hier und Jetzt Probleme hat, weiß ich. Seine Beziehung läuft bei weitem nicht gut und andeutungsweise weiß ich auch worum es geht.

Ich hoffe nur so sehr, dass ich keine Schuld daran habe.

Wenn die guten Manieren weh tun

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Ich lebe in einem Mehrfamilienhaus. Im Großen und Ganzen verstehen sich die verschiedenen Parteien ganz gut. Leider ist eine Mietpartei nicht gerade „gemeinschaftsförderlich“. Man könnte sie egoistisch nennen. Sie finden immer etwas, dass nicht in ihrem Sinn ist.

Mal ist es die Tatsache, dass man auf dem Balkon geraucht hat. Also verspricht man dem Vermieter, der informiert wurde, nicht mehr auf dem Balkon zu rauchen. Mal ist es der Essensgeruch von einer anderen Mietpartei, weil dieser in das Treppenhaus zieht. Da man ja zwischenzeitlich nicht mehr auf dem Balkon raucht, hat diese andere Mietpartei die Wohnungstür nur angelehnt, wenn sie rauchen gegangen sind. Das hatte zur Folge, dass Essensgeruch ins Treppenhaus gezogen ist. Also wurde der Vermieter informiert und der anderen Mietpartei untersagt, die Wohnungstür auch nur kurz aufzulassen. Es gibt noch einige andere Beispiele.

Mir selbst wurden seitens der Frau schon Dinge an den Kopf geworfen, die man als Beleidigung empfinden kann.

Aber was auch immer diese Mietpartei machte, ich war immer höflich. Ich habe mich an die Benimmregeln gehalten, die mir beigebracht wurden. Ich habe fast schon zwanghaft Guten Tag, Guten Abend gesagt. Einmal warf sie mir an den Kopf, dass einmal am Tag grüßen ja ausreiche. Und was macht ein gut erzogenes Mädchen? Es achtet darauf nicht zu oft zu grüßen.

Und heute? Heute Grüße ich also wieder freundlich und es gibt keine Reaktion. Ich bin immer noch ziemlich perplex. Ich weiß nicht was ich falsch gemacht habe.

Vielleicht fragt sich nun der ein oder andere Leser, warum Manieren nun weh tun.

Es ist nicht so einfach zu erklären. Man versucht alles recht zu machen und fühlt sich selbst gedehmütigt, weil man freundlich bzw. höflich ist, obwohl man beleidigt wird. Und jetzt? Jetzt fragt man sich, was man falsch gemacht hat, ob man böse war, weil man jetzt auf einmal keine Antwort auf das letzte kleine bisschen Höflichkeit bekommt.

Andere würden sagen, ist doch egal. Sollen sie einen nicht mehr grüßen. Ist doch gut. Aber hier drinnen brennt es. Ich war böse, sagt es. Ich muss nachfragen, was ich gemacht have, sagt es. Ich muss es wieder gut machen. Und mein Kopf weiß, dass dem nicht so ist. Aber dennoch tut es weh.

Denn sie wussten nicht was sie tun….

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Es fing in der 5. Klasse der Schule an und endete mit dem Abitur.

Ich wurde gemobbt. Früher sagte man geärgert. Und die Eltern sagten, dass man über den Dingen stehen muss und sich nichts anmerken lassen darf. Und ich war auf mich gestellt. Das meiste lief „hinten herum so dass ich es mitbekam“, aber es gab auch eine Gegebenheit, die mir besonders zugesetzt hat und die mir heute noch so sehr weh tut. Wenn ihr das lest, werdet ihr denken, ach komm, dass ist doch schon ewig vorbei. Aber es hat mich geprägt und hat die Jahre danach zu einer Belastung gemacht.

Ihr habt mich von der Schule bis zum Bahnhof gejagt. Ich hatte so eine Angst vor Euch. Ihr wart zu 5. und ich war alleine. Wahrscheinlich wolltet Ihr mir gar nix tun, sondern hattet es nur eilig zum Bahnhof zu kommen. Aber witzig fandet Ihr meine Angst auf jedem Fall. Ich bin kurz vorm Reisebüro in ein Reisebüro geflüchtet. Als ich wieder raus kam, hat ein Mädchen auf mich gewartet. Nur sie ging nach der 6. Klasse weg. Am nächsten Tag habt Ihr mich gefragt, wohin ich denn verreisen möchte. Ich sagte nichts. In der Folge machtet Ihr Euch immer wieder über mich lustig. Mal war es meine Brille, mal meine Kleidung, mal landeten Papierkügelchen in meinen Haaren, mal erzählte wer mir, dass auch die Lehrer mich nicht leiden können, mal wurde ich ausgelacht, weil ich der Meinung war, dass auch Tiere denken und Gefühle haben, selbst von der Lehrerin…… Viele Kleinigkeiten und ich versuchte mich anzupassen. Zog meine Brille nicht mehr an, machte keine Hausaufgaben, machte in Arbeiten mit Absicht Fehler, damit ich nicht als Streber da stehe. Keiner hat es gemerkt. Ich war auf mich gestellt. Im Laufe der Jahre kamt Ihr zu dem Schluss, dass ich nicht alle Tassen im Schrank have und Ihr hattet Recht. Ich bin psychisch krank. Auch durch Euch, aber nicht nur. Denn zu Hause lief es auch nicht gut.

Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll. Hier laufen die Tränen. Life sucks…..

Einfach mal nicht so viele Ansichten – oder wenn der Kopf nichts mehr hören möchte

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Manchmal kann es ganz schön anstrengend sein, wenn die eigene Seele verschiedene Selbstanteile beinhaltet, die unterschiedliche Ansichten, Realitäten und Wissensstände haben.

Ich habe hier ja schon von einer Kernüberzeugung geschrieben, die hier herrscht. Davon gibt es hier so einige.

Nun versuche ich immer wieder vom Kopf her zu erklären, was ich dazu denke. Und ich bemühe mich dabei nicht angreifend zu sein, weil ich dankbar bin, dass ich inzwischen mehr von den Gedanken der anderen Selbstanteile mitbekomme. Nur so kann ich verstehen lernen, warum man mitunter reagiert wie man reagiert. Und wenn ich dann nicht adäquat reagieren würde, habe ich Angst, dass das Wahrnehmen der inneren Vorgänge wieder weg geht. Denn nur über das innere Wahrnehmen kann man lernen. Auch wenn es anstrengend ist.

Viel anstrengender ist es dann noch, wenn ich mich mit Jemanden unterhalte, der von meiner Seelenstruktur weiß. Und wenn man sich über solche Kernüberzeugungen oder andere traumabedingte Reaktionen unterhält. Gerade wenn dieses Gespräch dazu führt, dass der Gegenüber für andere Selbstanteile anfängt zu erklären, warum es eben anders ist. Ich sitze dann da und sage, dass ich das vom Kopf her weiß. Der Gegenüber meint es gut und erklärt weiter, weil nicht ich der Adressat bin, sondern die Selbstanteile, die anders denken wie ich. Dann merke ich, wie manchmal in mir die Aggression hochkocht und ich am liebsten sagen möchte, dass man es mir nicht erklären braucht. Aber ich schlucke es herunter, denn ich bin nicht der Adressat. Also ich muss es mir anhören, was an Selbstanteile gerichtet ist, die so ganz anders denken wie ich und fühle mich mitunter so dumm.

In diesem Moment den Spagat hin zubekommen, dass man nicht alles Erarbeitete über Bord wirft und sagt, dass es einen nicht interessiert, weil es nervt, dass man sich das anhören muss, was an andere Selbstanteile gerichtet ist, ist Mega anstrengend. Denn damit würde ich alles über Bord werfen und die Wahrnehmung dessen was Innen passiert, wäre weg.

Auch wenn ich dankbar bin, dass ich meistens mitbekomme, was im Aussen passiert, in den Momenten würde ich gerne meine Ohren zu machen.

Nicht falsch verstehen bitte. Es ist schon so, dass ich auch Stopp sage, wenn mir ein Gespräch zu viel wird. Aber gerade in solchen Erklärsituationen, die originär nicht an mich gerichtet sind, kann ich ja gar nicht nein sagen. Dadurch würde ich das Wahrnehmen des Inneren gefährden.

Aber was mache ich nur gegen diese Aggression, diesen Wunsch einfach die Ohren zu zu machen und nicht das hören zu müssen, was ich ja vom Kopf her weiß.

Manchmal mag ich einfach nur Ruhe haben. Einfach nur Ruhe. Und gleichzeitig möchte ich innen wahrnehmen, damit es mir auch längerfristig wieder besser gehen kann.

Eure S.

Sie dürfen sich entscheiden

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Ein einfacher Auftrag der Therapeutin und ein Absturz ins Bodenlose.

Schreiben Sie mal auf, wann Sie eine kleine Entscheidung getroffen haben und diese für Sie positiv war.

Was bitte ist denn eine Entscheidung, die ich treffe.

Nun ja, Sie entscheiden, ob Sie aufstehen, arbeiten gehen, duschen, den Rollladen hochziehen, was Sie essen, etc..

Nein, dass entscheide ich nicht. Ich mache das, weil das meine Aufgabe ist. Ich bin eine Puppe, die die Entscheidungen des Umfeldes übernimmt, weil es so erwartet wird. Und wenn ich mal wirklich eine Entscheidung treffen möchte, wie z.B. wo ich in Urlaub hinfahre, dann kann ich das nicht. Es dauert dann Ewigkeiten, bis ich mich zu einer Entscheidung durchringen kann.

Aber alles was Alltag und Arbeit betrifft, dass sind keine Entscheidungen. Das sind Fäden, die gezogen werden und ich quäle mich wie eine Marionette durch diesen Alltag hindurch. Wenn ich wirklich entscheiden dürfte, eine Wahl hätte, dann würde ich am liebsten derzeit nicht mehr mein Bett verlassen. Ich bin erschöpft. Dieses Marionettesein kostet unendlich viel Kraft.

Wo bitte darf ich mich denn da entscheiden?

Ich funktioniere. Ich mache das was notwendig ist, um im Leben klar zu kommen. Ohne von wem abhängig zu sein. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt und sonst. Den Rest meines Lebens funktioniere ich auch. Mache meinen Haushalt und was sonst so ansteht. Aber entscheiden. Nein entscheiden ist doch, wenn man das ohne die Zwänge des Umfeldes macht.

Na ja, Sie entscheiden doch was Die essen.

Selbst das stimmt nicht. Es ist ein Mindestmaß oder Übermaß an zufügen von Kalorien, Eiweiß, Kohlenhydrate, Nährwerten, etc. Selbst hier keine Entscheidung. Und wenn ich mich dann mit gesunder Ernährung beschäftigen möchte, um eine bewusste Entscheidung treffen zu können…. Dann ist es wieder da, dass sich nicht entscheiden können. Der eine sagt Abends keine Kohlenhydrate essen, der andere sagt, bla, der nächste blub, und ich fühle mich überfordert.

Das ist es, wenn man bislang nur eine funktionierende Puppe war. Dann ist jede bewusste Entscheidung fast unmöglich. Wie darf man da denn eine Entscheidung treffen, wenn man gar nicht weiß wie.

Ein Leben zwischen funktionieren und überfordert sein.

Der Versuch zu erklären, was eine dissoziative Identitätsstruktur ist

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Jemanden zu erklären, was es mit der dissoziativen Identitätsstruktur auf sich hat und zwar unabhängig davon wie stark die Anteile voneinander getrennt sind, ist echt nicht einfach. In der Therapie hatten wir schon diverse Ansätze gehört und möchten einen davon hier vorstellen. Er passt sicherlich nicht für jeden Menschen mit einer dissoziativen Störung, aber uns hat er sehr plastisch erklärt, wieso es z.B. fehlende Erinnerungen oder Trigger in unserem Leben gibt.

Man stelle sich die Seele als einen großen Loft vor. Keine Wände, alles offen. Dort lebt man zunächst ungestört. Dann zieht in den Loft z.B. ein Braunbär ein. Dieser macht einem Angst, er zerkratzt das Parkett und brüllt laut, um sein Revier abzugrenzen. Als einem das zuviel wird, zieht man Wände und und sperrt den Braunbären in dieses neue Zimmer ein. Das Loft wird kleiner, aber man braucht keine Angst mehr vor dem brüllenden Braunbären zu haben.

Irgendwann stellt man fest, dass sich in dem Loft die Schmutzwäsche stapelt, leere Flaschen herum stehen und eventuell auch noch die Pizzakartons in einer Ecke vor sich hin dümpeln. Der Geruch, welcher dadurch entsteht, wird penetrant. Es wird ein weiteres Zimmer gebaut, in dem all diese Dinge verschlossen werden.

So kann man weitere alltägliche und unalltägliche Gründe haben, sein Loft nach und nach immer mehr abzumauern. Man richtet sich dennoch ganz gut dort ein und mit der Zeit vergisst man die abgetrennten Zimmer und deren Inhalt.

So lange der Alltag gut läuft und man nicht durch irgendwelche äußeren oder inneren Umständen getriggert wird oder generell unter Druck gerät, ist alles „gut“. Aber wenn nicht mehr alles „gut“ ist, wenn man durch die Begegnung mit einer Person oder durch das Betreten eines Gebäudes oder Stress im Beruf oder ganz anderen Gründen instabilier wird, kann es passieren, dass die Wände des ein oder anderen Zimmers dünner werden. Man hört auf einmal den Bär brüllen, weiss aber nicht, das es der Bär ist, sondern fragt sich, was oder wer denn da geschrien hat. Man riecht die leeren Flaschen oder die schmutzige Wäsche und fragt sich woher der Geruch kommt. Man bekommt in einer Situation, die rational betrachtet vielleicht gar nicht beängstigend ist, Angst, Panik oder Flashbacks.

Manchmal und das ist unter anderem auch Ziel der Therapie, findet man die Tür zu einem Zimmer wieder und öffnet diese. Je nachdem wie stabil man sich ansonsten fühlt, kann man sich entscheiden das Zimmer näher anzusehen und „aufzuräumen“ oder man verschließt die Tür wieder, bis man die Kraft hat, sich dem Inhalt des Zimmers zu stellen. Freilich gelingt dies nicht immer so einfach, die Tür wieder zu verschließen. Manchmal wird man dann von Dingen überrollt, die den Alltag noch schwieriger machen oder man gerät in eine Krise.

Es kann aber auch passieren, dass man das Erinnerte wieder „weg schiebt“, weil man dem was man erinnert keinen Glauben schenken (ich war doch immer ordentlich, ich habe immer meine Wäsche gewaschen, etc.) oder damit was man gefunden hat nicht umgehen kann (ich hatte nie einen Bären als Mitbewohner, das ist doch viel zu gefährlich, ein Bär lebt im Wald, etc.).

Es kann auch passieren, dass man sich daran gewöhnt, Zimmer zu bauen und der Platz in dem Loft immer weniger wird. Das führt irgendwann zu Schwierigkeiten im Alltag. Es kostet zum einen sehr viel Kraft, die Zimmer zu bauen und aufrecht zu erhalten, zum anderen wird der Platz für den Alltag im Loft immer geringer. Man entwickelt also unweigerlich Symptome (psychosomatische Schmerzen, (generalisierte) Ängste, Depressionen, psychotische Symptome, etc. pp.).

Die meisten Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstruktur gehen zunächst wegen solcher Probleme zum Therapeuten oder Arzt. Wenn man Glück hat, trifft man einen Arzt oder Therapeuten, der sofort erkennt, dass hinter diesen Symptomen eine dissoziative Identitätsstruktur steckt. Es kann aber auch passieren, dass man zunächst einen Marathon an Diagnosen und Behandlungen durchläuft, bevor man irgendwann an die Ursache der vordergründigen Probleme kommt.

Wenn man auf einmal merkt, dass man dissoziiert

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Manch einer wird sich fragen, wie sie merkt nicht, dass sie dissoziiert?  Aber sie hat doch eine dissoziative Störung, da muss sie doch durch dissoziative Symptome gestört werden.

Nun abgesehen davon, dass ich den Begriff Störung in diesem Zusammenhang nicht mag, sondern lieber von Abwehrmechanismen spreche und mein Blog daher den Untertitel „Leben mit dissoziativer Struktur“ hat, fühlte ich mich bislang nur selten davon eingeschränkt. Jedenfalls was das alltägliche Leben betrifft. Hingegen bei der Suche nach meinem „Ich“ und den Gründen, warum ich depressiv bin, unter Ängsten und Panikattacken leide, Flashbacks und Albträume habe, und noch so einiges mehr, da „stört“ die Dissoziation durchaus. Aber halt, auch da ist es ein Schutzmechanismus der Seele, denn wenn mich all das was vergraben ist, auf einmal überrollen würde, wäre ich wohl reif für die Psychiatrie. Von daher hat die Dissoziation auch da ihren Grund.

Also was meint die Überschrift?

Ich befinde mich auf Grund einer heftigen Stirnhöhlen- und Nebenhöhlenentzündung in Behandlung bei einem HNO-Arzt und da werden mir ganz normale Fragen gestellt und entgegen meiner üblichen Fähigkeit normale Fragen normal zu beantworten, habe ich derzeit echt Probleme mit der Beantwortung.

Das fängt an mit der Frage, ob sich seit Dienstag etwas geändert hat. Ich antworte, dass ich auf einmal heftige Kopf- und Ohrenschmerzen habe. Der Blick meines Gegenüber war irgendwie Oskarreif. Wie Sie haben auf einmal heftige Kopf- und Ohrenschmerzen?  Die müssten Sie doch schon die ganze Zeit haben. Ich so, nö. Mein Gegenüber sagt dann, dass kann gar nicht sein. Ich bin still und frage mich, was man denn da noch Vernünftiges sagen könnte. Ich beschließe still zu bleiben. Meine Freundin, die mich sehr gut kennt, erklärte mir dann, dass ihr schon öfter aufgefallen sei, dass ich im bereits hier schonmal erwähnten Funktionsmodus eben nicht spüre, ob ich krank bin oder Schmerzen habe und wenn doch, dann eher im bagatellisierten Rahmen. Wie oft hätte ich in den letzten Wochen den Weg zur Arbeit gewählt, wo manch anderer vernünftigerweise krank zu Hause geblieben wäre. Ich meinte dazu, dass eben jeder seine eigene Grenze hätte. Aber in mir drinnen gab ich ihr recht. Gerade der letzte Montag war ein Musterbeispiel der Verdrängung von Symptomen. Ich bin auf Arbeit gefahren, in der vollsten Überzeugung, dass ich ja nur ein bisschen Schnupfen habe. Innerhalb der nächsten 3 Stunden spürte ich jedoch nach und nach all das, was morgens noch so gut verpackt war. Bis man mich zwangsweise krank nach Hause geschickt wurde.

Und so gibt es viele kleine und größere Beispiele der letzten Tage, wo ich dissoziiert habe und es irgendwie von Außen gespiegelt bekommen habe.

Noch ein lustiges Beispiel. Am Dienstag rufe ich Abends meine Mutter an, um ihr zu berichten, was der HNO-Arzt festgestellt hat. Ihre Reaktion war sehr überraschend. Das habe ich ihr doch schon Mittags alles erzählt. Ich bin still und frage mich, wie ich aus der Nummer wieder heraus komme. Schließlich sage ich, dass mir das wohl entfallen sein muss, weil ich fast den ganzen Tag geschlafen habe. Das hat die dankenswerterweise geschluckt.

Und da ich meiner eigenen Wahrnehmung gerade nicht so sehr trauen kann, habe ich mir für nächsten Freitag einen Abschlusstermin (hoffentlich) beim HNO geben lassen. Der soll lieber nochmal gucken, ob alles wieder Ok ist, bevor ich Symptome weg geschoben habe und am Montag dann wieder arbeiten gehe, ohne es, wie er stringent forderte, auskuriert zu haben.

Das alles, war ja noch viel mehr, verwirrt mich ziemlich und ich ahne wie heftig es für Menschen sein muss, deren dissoziativen Symptome viel mehr in den Alltag eingreifen als bei mir. Ich mag mir nicht vorstellen, was für Folgen das bei mir hätte.

So kenne ich Erzählungen von Freunden, denen Wochen oder gar Monate fehlen, weil der fragliche Selbstanteil weg war oder die eine Hausarbeit an der Uni zweimal abgegeben haben, weil sie von der ersten abgegebenen Hausarbeit nichts wussten.

Bis zu einem gewissen Grad kann man das mit Verstreutheit erklären.

Aber wenn man,wie ich, morgens der besten Freundin erzählt, wie grottig die Nacht war, weil man nur gehustet hat, um ihr fünf Minuten später zu erzählen, dass man wunderbar geschlafen hat, dann kann man nur dankbar sein, dass sie weiß was eine dissoziative Struktur bedeutet.

Eure S.